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   Zum Inhalt von PowerTraining Nr. 33
PowerTraining (Magazin-Nr. 33) - 4. Jahrgang   
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World Games 2005

Holger Kuttroff - Deutschlands stärkster Kraftdreikämpfer aller Zeiten


von Wolfgang Hasenmaier (www.dsh-protect.de)

    Vorbemerkung
    Beim Lesen meines Entwurfs hat Holger ein paar tiefe Verlegenheitsseufzer vernehmen lassen. Wie alle ganz Großen ist er nun mal ein bescheidener Mensch, der durch seine Substanz überzeugt. Komplexbelastetes, arrogantes Großgetue überlässt er der zweiten Garnitur. Es ist jedoch zweifelsohne ein Fakt - er weiß es selbst nur zu gut... - dass in der deutschen Kraftdreikampfhistorie in Sachen pure Kraft niemand an ihn herankommt.

    Wer sich auskennt weiß, dass Wettkampfwerte allein nicht entfernt die Realität widerspiegeln. Viertelkniebeugen, 4-fach Anzüge, Hemden und mehr... All dies hat die Dinge verwässert.

    Nicht so bei Holger. Er steht für Powerlifting Old School. Die Urfaszination selbst des Kraftdreikampfs.

    Pure Kraft.

    Ursprünge und psychologischer Background
    Holger Kuttroff sehe ich das erste Mal bei einer KDK Meisterschaft 1987 in Oppenau: Er hebt hierbei in der 82,5 kg Klasse. 200 kg Tiefenkniebeuge und 105 kg Bankdrücken, Kreuzheben 200 kg. Das hier ein künftiges Kraftphänomen, noch dazu in der Königsklasse, dem Superschwergewicht, an die Hantel tritt - dies ist selbst mit viel Phantasie nicht entfernt erkennbar. Einziges Indiz für “nicht ungünstige physische Vorraussetzungen” sind seine auffallend kräftig entwickelten Oberschenkel. Positive Auffälligkeiten im mentalen Bereich, die sich mir einprägten: Ein bemerkenswert guter Appetit sowie eine nicht abzusprechende, tiefsitzende Grundruhe. Während des Wettkampfs gänzlich unbeeindruckt von der Hektik um ihn herum, vertilgt Klein-Holger stoisch Bananen und Wurstbrötchen in nicht unbeträchtlichen Mengen. Dies auch zwischen seinen einzelnen Versuchen. Zum Sprechen wird fast keinerlei Energie verwendet. Dies erinnert mich an den Ausspruch eines Talentsichters der ehemaligen DDR: “Er bringt die für einen Schwerathleten gelegentlich unverzichtbare, wichtige Grundfaulheit mit”. Faulheit sicher nicht, aber eben clever-intuitive Einteilung der Kräfte. Dies belegt einmal mehr, dass die mentale Kraft letztendlich mehr Einfluß auf die Powerliftingkarriere hat als die extreme körperliche Genetik.

    Holger ist von Haus aus ein stoischer Typ. Nur sanft und freundlich? Sicher nicht, denn jeder Mensch hat Wildes, Dunkles in sich. Er hebt sich - dankenswerterweise - seine Aggressionen für das Stemmen auf. Wenn es darauf ankommt, explodiert das deutsche Kraftwerk frisch und unverbraucht unter der Hantelstange.

    Es ist nicht ungewöhnlich, dass ca. 8 Sportler den Transatlantikflug in die USA auf sich nehmen, um ihn zu betreuen. Dies zeigt den Beliebtheitsgrad und die Wertschätzung, die Holger im Kreis seiner Sportskameraden genießt. Bei einem Strongmanwettkampf in Esslingen verliest der Moderator die Erfolge von Holger - diesem ist es offensichtlich peinlich, er will fast die Bühne verlassen. Kein Wunder dass Holger extrem hoch geschätzt wird.

    Evaluierung im kraftsporthistorischen Kontext
    Holger`s Bestleistung im Bankdrücken liegt bei 270 kg. Bankdrücken wohlgemerkt, nicht Hemddrücken. Kein unterstützendes Hemd, allein pure Kraft. Im Gegensatz zu einem Bankdrückspezialisten hat ein Dreikämpfer alle 3 Disziplinen zu trainieren. Die Erholungsphase bei Holger drittelt sich auf jeweils Kniebeuge 460 kg - Bankdrücken und Kreuzheben. In der letzteren Übung hatte er schon 350 kg fast ganz oben, als der Griff nachließ. Erfahrungsgemäß erzielt ein Dreikämpfer im Bankdrücken nur 80-85 % seines Potentials als Bankdrückspezialist. Z. Bsp.: Der Verschleiß der Schultergelenke durch die Einwirkung der Beugehantel ist substantiell. Bei 400 kg+ erübrigt sich diesbezüglich jeder weitere Kommentar.

    Wie gut sind 260-270 kg hemdloses Bankdrücken für einen Weltklasse Kraftdreikämpfer einzuschätzen?

    Nehmen wir die USPF Senior Nationals. Diese sind von Mitte der 60er bis Mitte der 90er Jahre der prestigeträchtigste nationale Powerlifting - Wettkampf der Welt gewesen. Die 1 st rate US Meisterschaft. Mitte der 80er Jahre gelang es dem 180 kg schweren Athleten Mike Hall als fünftem KDK Athlet dieser US Nationals jemals, die 595 lbs ohne Hemd zu drücken. 595 lbs sind 270 kg. Dabei blieb es in der 30 jährigen Wettkampfgeschichte dieses Contests... Einer seiner Vorgänger nutzte Ellbogenbandagen, die 7 - 15 kg bringen. Dies als Veranschaulichung für die Einschätzung von Holger`s 270 kg Bankdrücken, gehoben mit purer Kraft nach einer schönen Pause auf der Brust.

    Kraftmagie - So geschehen im Januar 2004
    Es ist die Nacht von Freitag auf Samstag und Holger hat einen Gastauftritt in einem Sportstudio in Leonberg. Er hat eine von vielen Wochen schwerer Arbeit - Metzger im Frühschichtbetrieb inkl. Kühlhausarbeiten und aufstehen um 3 Uhr morgens - in den Knochen.

    Bankdrücktraining ohne Hemd:
    5 Sätze mit 220 - 230 kg und zwischen 3 und 4 reps, explosiv nach 1 - 2 Sekunden Pause auf der Brust. Im Abschlusssatz - vorauserschöpft durch 5 sets - werden 240 kg aufgelegt. Die 240 kg hebt er selbst aus der Ablage und läßt sie in Zeitlupe herunter. Seine Oberarme zittern und ich ertappe mich bei den Gedanken: “Was tut er sich da an, warum erschöpft er sich im Voraus? Hoffentlich verletzt er sich jetzt nicht. Ob er das überhaupt noch ein paar Zentimeter anheben kann, jetzt nach all den vorherigen Sätzen?” Die Hantel von 240 kg liegt auf den vorerschöpften Brustmuskeln nach einer endlos langsam scheinenden Absenkphase von 4 - 5 Sekunden.... Im Studio ist es nicht mucksmäuschen- sondern totenstill...Gute 2-3 Sekunden verstreichen... Die beobachtenden Gesichter sind nachdenklich bis sehr skeptisch. Seine Oberarme haben zu zittern aufgehört... Jetzt...Booooom! Erste Wiederholung in einem Sekundenbruchteil nach oben g e f e u e r t. Booooom! Die 2 te Wiederholung genauso explosiv. Holger legt die Hantel ab und steht auf. Das Volk tobt! - Zur Beachtung: Nach oben feuern ohne Katapulthemd ist etwas grundsätzlich anderes als mit Hemd.

    Das deutsche Phänomen
    In deutschen Powerlifting - Fachkreisen ein offenes Geheimnis: Was pure Kraft angeht, gibt es weltweit nur ganz wenige, die mit Holger mithalten können oder stärker sind. Wer überhaupt? Garry Frank, Ed Coan, Andy Bolton, Beau Moore, Brian Siders. Holger ist für mindestens 1000 - 1020 kg raw im Powerlifting gut, wenn er lediglich Bandagen und Gürtel verwendet. Bei vorbildlich sauberer Ausführung, also Tiefenkniebeuge sowie Bankdrücken mit klarer Pause auf der Brust. Beuge-, Kreuzhebesuit und Bankdrückhemd werden dabei nicht eingesetzt.

    Wer sonst im deutschsprachigen Raum kann das auch nur annähernd nachmachen?

    Eine Tiefenkniebeuge bringt er hierbei von 400 -430 kg. Kein Geringerer als Steve Goggins, der erste legitime 500 kg Beuger, sagte zu ihm, dass Holger mit dem neuen Boss Suit “500kg easy” beugen könne. Tief wohlgemerkt.

    Die Mentalität eines puren Herkules
    Bei einem lokalen Wettkampf in Leinzell ist die Hantel mit dem damaligen deutschen Rekord von 430 kg beladen. Es wird Heavy Metal oder Ramstein angespielt, wenn die anderen Lifter sich an ihren Lasten versuchen. Holger Kutroff lässt die “Knoblauchhymne” aus dem Musical “Tanz der Vampire“ abspielen. Der Mann hat einfach die Ruhe weg. Er beugt die Allzeitrekordlast spielend. Als Abschlussauftritt des Abends zeigt ein ungleiches Paar eine Posingkür. Olga tritt aus dem Disconebel, eine majestätisch gebaute Dame. Sie lässt ihren 100 kg Partner wie einen Zwerg erscheinen. Ungläubig schauen wir näher hin. Die Walküre ist Holger, komplett mit Bikini und breitem Grinsen. Der Mann kann locker über sich selber lachen. Das Publikum ist begeistert.

    Ein kleines Interview mit Holger
    WH: “Dein allererster Wettkampf war wann?”
    HK: “Im April 1987.”
    WH: “Wer waren deine Vorbilder?”
    HK: “Fred Hatfield, physisch unscheinbar, aber stark.”
    WH:”Wen bewunderst Du besonders unter den anderen Powerliftern?”
    HK:” Michael Brügger, sein Auftreten war konstant professionell und smart. Gut für die Öffentlichkeitswirkung des Sports. Außerdem Hans Zerhoch: Er hat trotz körperlich schwerer Arbeit in Sachen rohe Kraft Maßstäbe gesetzt.
    WH:“Was hat Dich ursprünglich zum Powerlifting gebracht?”
    HK: “67 kg bei 1,80 m Körpergröße als Teenager. Max Bergbauer und Fritz Seese, letzterer als Mensch gigantisch. Weit unter seinen Möglichkeiten geblieben. Bei besser angewandtem Training hätte er gut über 1000 kg auf IPF Level im Dreikampf erreichen können.”
    WH: “Was motiviert Dich - nach all deinen Erfolgen - zum Weitermachen im Powerlifting?”
    HK: Die 500 in der Beuge.”
    WH: “Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Grundvoraussetzungen, um im Powerlifting voranzukommen?”
    HK:”Nicht anfällig für Verletzungen zu sein. Dranbleiben ist wichtiger als Supergenetik, die Supergenetiker werfen bei Plateaus oder Rückschlägen schnell das Handtuch.”
    WH: “Wen hältst Du für den besten Powerlifter aller Zeiten?”
    HK:“Ed Coan - Er ist “The Man“, ausgeglichen, keine gravierende Schwäche. Sehr stark ohne die heutzutage extreme Ausrüstung

    Was fällt Dir zu folgenden Powerliftern ein:

    Garry Frank” - “Sehr ruhiger Typ, brutal in der Erscheinung, steht mit jedem Gewicht, das er beugt easy auf.”

    Andy Bolton” - “Gibt mal Tipps, auch ein paar Tage vorher in der Halle. Ein umgänglicher Typ, die Starken sind eigentlich alles nette Kerle.”

    Steve Goggins” - “Eher unscheinbar vom Aussehen her.”

    Scott Mendelsson” - “Sehr ambitioniert, n a c h dem Wettkampf auch kumpelhafter Typ. Erinnert sich auf Grund seines extremen Focus nicht an Verhalten vor den Wettkampfversuchen.”

    Gene Rychlak” - “Absoluter Freak, mental und körperlich, im positiven Sinne. Eher spaßig. Ein Partyanimal v o r und nach dem Wettkampf.”

    Bester Händedruck-Award“: Rychlak und Mendelsson fallen mir dazu spontan ein. Da spürt man dass ”echte Musik” drin steckt. Bei den anderen übrigens durchaus auch.”

    Bislang beste Leistungen im Wettkampf
    Echte Tiefen-Kniebeuge, Stand mittelbreit, bei 3 Gelegenheiten, 2 Mal dabei nach Interkontinentalflug: 460 kg.
    Bank: Ohne Hemd 270 kg. Mit Hemd 290 kg.
    Kreuzheben: 332,5 kg - 350 fast oben gehabt

    Der neuste Stand
    Bei den WPO Semi-Finals 2005 ist Holger im Aufwärmraum mit 410 kg bei der Beuge ein Quadrizeps leicht gerissen.

    Er ist bereits nach 10 Tagen wieder im Training.

    2 Wochen vor den WPO Semifinals beugt Holger 2 Einzelversuche mit 480 kg hintereinander. Mit einer gut sichtbaren Reserve. Auf die Frage wie sich die 480 kg anfühlten: “ So etwas fühlt sich nie leicht an, aber ich komme noch nicht ganz mit dem Equipment klar. Deshalb konnte ich mit den Schenkeln “nicht richtig Gas geben“. Wird aber von Training zu Training besser”

    Wer unseren bodenständigen Holger kennt, weiß was das für die Zukunft heißt...

[ Allgemeine Hinweise ] | [ Literaturverzeichnis ]

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